

Sabrina
I Das blaue Licht
Im Alter von zwölf Jahren war ich es gewöhnt, die Nacht über allein zu sein, in meiner Höhle. Nur das Licht von der Straße, die Geräusche, Schritte, späte Stimmen in den Hauseingängen. Es tat gut, so zu liegen und zu lauschen, ein eigenes Zimmer war gut. Auch wenn es nur sehr schmal war, man sagte auch „ein halbes Zimmer“, und das Bett nur ein Klappbett, das am Morgen gegen die Wand gestellt wurde, um Platz zu schaffen für einen Durchgang zum Fenster.
Das Ende der Kindheit, was könnte das sein? Vermutlich gibt es das nicht. Nur diese oder jene Passage, Höfe, Gassen, Halblicht und Finsternis. Ich glaube, beim Sex war ich auch später eher ein Kind. Es schriebe sich leichter, würde ich etwas mehr darüber wissen. „Der Knabe von zwölf Jahren“, ich sehe ein Buch mit diesem Titel, das Papier hat Altersflecken. Der Einband ist berieben, wie die Antiquare es sagen, aber die Zwölf: Grau und wie mit Eis im Pelz tritt sie hervor. Schon vom Klang her ist die Zwölf das zweifelhafteste Wort in der Reihe der Zahlen. Die Zwölf, der Zwolf. Zeit des Unholds, Zeit der Ungestalt, oder wie sollte es im Untertitel heißen? Ich glaube, bis dahin wusste ich noch, wer ich war. Auch später wusste ich es wieder, wenigstens in Teilen, annäherungsweise, nicht aber in dieser Zeit, sie ist nicht definierbar. Es ist, als gäbe es keine Verbindung, keine Kontinuität, nur ein paar Indizien dafür, dass ich das gewesen bin, damals, der gerufen wurde. Der sich erhob (nach einigem Zögern, unsicher, langsam) und barfuß durch die Kälte tappte, bis an ihr Bett.
Die neue Cousine hieß Sabrina. Meine erste Formulierung, um irgendeine halbwegs wahre Empfindung bemüht: Es störte mich, dass sie da war. Mich störte ihr Körper.
Eigentlich sollte ich Abstand halten. Die alte Methode: Abstand halten und Auslieferung einer dritten Person, irgendein Gefäß für all die schäbigen Details, die unaussprechlich sind und nicht beschrieben werden wollen, irgendein Opfer mit ausgedachtem Namen: ,Als sie nach ihm rief im Dunkel, wusste er nicht, was jetzt das Beste für ihn wäre, wie er sich verhalten sollte, ob er eine Chance hatte, dem zu entgehen …‘ Und so weiter.
Zwei betrunkene Kinder beim Sex. Ist es nicht so?
Du könntest es dabei belassen.
Es war der Tag der dritten Hochzeit von E., dem Bruder meiner Mutter, 1976. E. war ein Riese mit Vollbart, seit dreißig Jahren Bergmann im Uran. Jedes Schulkind in dieser Zeit hatte das Bild im Lehrbuch gesehen: die halbnackte, von Ruß oder Kohle geschwärzte Gestalt mit dem Presslufthammer im Anschlag, tief unter der Erde, von Fels umschlossen, einsam, kämpfend, unerbittlich, der erste Aktivist … Er stieß mit seiner pressluftgetriebenen Lanze direkt in den Berg, in seinen steinernen Rachen, er forderte den Berg heraus – und würde ihn töten, wie Georg den Drachen. Sein Name war Adolf, Adolf Hennecke, Held der Republik. Für mich war das immer E. gewesen, der Riese, mein Onkel. Er tötete den Drachen, jeden Tag, und Maria, die Braut, war seine Belohnung.
In einem zweiten Bild ist E. der Seewolf. Ich war zehn Jahre alt, als ich den Film das erste Mal sah, in einer Fassung der DEFA. Raimund Harmstorf als Seewolf, der die Kombüse betritt und die Kartoffel zerdrückt – in seiner Faust. Endlose Schulhofdiskussionen über die Kartoffel in der Faust, roh oder gekocht, hieß die Frage, obwohl die Antwort doch klar war, aber nicht gegeben werden wollte. Da waren die einen, die alles schon wussten, „rein physikalisch“ und so weiter, und da waren wir, die es ebenfalls wussten, doch der Geschichte – wie soll man es sagen – die Treue hielten, die sie verdiente. Wir waren auf Seiten der Geschichte. Zuerst, weil alles andere uninteressant war. Roh war die tiefere Wahrheit. Roh war das Märchen, der Mythos, der Seewolf war roh. Gekocht war die Ödnis, die Schule. Es war die meistdiskutierte Filmszene in meiner Kindheit, es hieß, sie stand nicht im Drehbuch. Der Vollbart mit den wilden Augen, hieß es, hatte das einfach gemacht.
Die Brigade des Riesen saß am Ende der Tafel, das waren „die Kumpels“ – so haben wir es alle gesagt, und erst im falschen Genitiv wird die Größe unserer Bewunderung vollständig hörbar. Nur der Riese gebrauchte ein anderes Wort, er sagte „meine Uransoldaten“. Es war seine Truppe, aufrecht und stolz, Mann für Mann. Wo sie Platz genommen hatten, war alles von jenem feinen bläulichen Licht umrandet, das ich den ganzen Abend über sah und auch schon früher beobachtet hatte an E. wie auch an G., meinem Großvater, bei allen aus unserer Familie, die im Berg gewesen waren.
Die Gläser, die Schädel, das Lachen, die Zähne – vom blauen Licht fein aufbewahrt, als wäre das ein Röntgenapparat: Ein bläulich leuchtender Raum, in dem die Toten sitzen, Knochenmänner und Knochenfrauen. Es ist das Erinnerungslicht.
Auszug aus der Erzählung »Sabrina«, erschienen in der originalgraphischen Edition »Paradiesische Dialoge« des Leipziger Bibliophilen-Abend e.V.