Pampas Marina
Ich sehe meine letzten Stockholmer Aufzeichnungen zur Sabrina-Erzählung durch, sie sind vom letzten Winter: „Frischer Schnee und minus 8 Grad“, so steht es oben im Notizbuch, Datum 5. Dezember. Am Nachmittag der tägliche Spaziergang ans Meer, bis in die Ufergegend, die von den Stockholmern „Pampas Marina“ genannt wird. Das Wasser in der Bucht ist gefroren, die „Constantia“, der alte Ostsee-Schoner, ist abgedeckt mit Planen. Im Schnee sieht sie aus wie ein U-Boot mit Segelmasten.
Ich stapfe so am Hafen für mich hin, vom „Café Båthuset“ bis zum kleinen schiefen Schuppen; er wird bald umfallen, denke ich. Am Schuppen mache ich kehrt und versuche, mir die Gesichter der Mädchen aus meiner Schulzeit in Erinnerung zu rufen. Einige stehen mir sofort vor Augen. Wie könnte Sabrina ausgesehen haben? Wie Heike O., eventuell. Oder wie Andrea H., ihr schmaler Mund, die hohlen Wangen? Eine Mischung aus beiden Gesichtern vielleicht, das wäre doch möglich. Ich entscheide mich für Heike O. und ihre großen, immerzu wie erstaunt blickenden Augen und stapfe weiter und hab im Grunde keine Ahnung, aber nach und nach wird es wahr, und noch bevor ich zurück bin am „Café Båthuset“, hat Sabrina ein Gesicht.
Mit Gesicht wird Sabrina für mich lesbar. Auch wenn ich es nur geliehen habe, ist es mehr als ein Ersatz. Es geht um die Kontur. Gebraucht wird eine einfache, im Grunde beliebige Linie und ihre Kraft. Das ist der Beginn jeder Geschichte. Lose umherwirbelnde, nicht fassbare Partikel ihrer Identität können jetzt angeordnet werden. Ich bekomme eine Ahnung, was zu erzählen wäre. Genauer: Was erzählbar wäre von dem Wenigen, Diffusen, das zugänglich ist in meinem Schädel, der doch, wie ab und zu behauptet wird, im Grunde alles aufbewahrt. Ein faszinierender Gedanke und zugleich ganz unglaubwürdig. Kurz: Sabrina wird erzählbar gemacht, sie wird „zurechtgewiesen“, das heißt, in (geliehene) Grenzen verwiesen.
Nach einer Weile stelle ich fest, dass es nicht funktioniert. Die Besetzung des Geschehens mit Gesichtern der Erinnerung ist nur eine Technik der Literatur. Das Gesichtslose ist die eigentliche Erkenntnis. Eine Art Anerkenntnis, falls es das gibt. Der eigentliche Schrecken. Schrift bringt mich weiter, aber nur weiter ins Nichts, wo kein Gesicht ist. Dort wohnt die Angst, und ich kann sehen, wie sie wächst, wenn die Kamera langsam heranfährt: Da steht Sabrina, am Ufer der Pampas, im Schnee, sie schaut vor sich hin oder schaut in die Ferne, aufs Eis, und die Kamera kommt näher, sehr langsam, aber stetig, und dann hab ich nur noch diese Haare und den Umriss eines Hinterkopfs im Blick, so dass mir das Herz bis zum Hals schlägt, Haare, Kopf, sie dreht sich um, jetzt gleich, ich weiß, in dieser Sekunde, der nächsten Sekunde – blanker Horror und ein Schauer auf der Haut, denn das ist schon klar: Ihr Antlitz wird nicht menschlich sein.
Bild links:
Schiefer Schuppen, Pampas Marina