Kaunas & Kruso im Film
Mitte Mai, elf Grad und Regen: Trotzdem tat es gut, wieder in Litauen zu sein, diesmal in Kaunas. Mein alter Freund Laurynas Katkus hatte mich eingeladen. An den Wochenenden trainiert Laurynas in den litauischen Wäldern den Partisanenkampf – im Ernstfall würde er kämpfen. Er ist ein Verteidiger des Landes – und ein wunderbarer Dichter. Wir saßen zu viert auf der Bühne, eine Italienerin, eine Schweizerin, eine Georgierin und ich. Das Thema hieß „Literatur und Kino“ („Literatūra ir kinas“). Im Kino von Kaunas war in den Tagen zuvor die Verfilmung von „Kruso“ gelaufen. Die UFA hatte den Film damals in Litauen gedreht, auf der kurischen Nehrung, am Meer, in einem abgewrackten Ausflugslokal.
In Kaunas ging es um unsere Erfahrungen mit dem anderen Medium, auch mit den Leuten vom Film, Produzenten, Regisseuren, Schauspielern. Und schließlich um die Frage, wo die Grenzen sind – wo Literatur zu Hause ist, wie man so sagt (und das Kino eben nicht). Auf die Frage nach Lieblingsregisseuren nannten – Überraschung – drei den Namen Quentin Tarantino. Was mehr ein Spaß war, glaube ich, aber natürlich auch ernst gemeint. Es fielen auch andere große Namen – Jarmusch und Wenders, aber auch Paweł Pawlikowski („Ida“, „Cold War“ und „Vaterland“ – unglaublich gute Filme) und Yorgos Lanthimos.
Interessante Antworten auf die Frage, ob man gern mitgespielt hätte im „eigenen“ Film – und wenn, in welcher Rolle. Ich musste zugeben, dass ich einen winzigen Cameo-Auftritt nicht abgelehnt hätte, aber es kam nicht dazu, und so verpasste ich den Eingang in die (filmische) Ewigkeit. Jedenfalls blieben alle bescheiden, nur die Italienerin sagte: Sie hätte die Hauptrolle gern selbst gespielt – was doch ziemlich lustig war.
Und zugleich der Moment, in dem ich an Albrecht Schuch denken musste, den Darsteller Krusos im gleichnamigen Film – Schuch war Kruso gewesen, eine seiner ersten großen Rollen, wofür er ein halbes Jahr später den Deutschen Fernsehpreis erhielt als „Bester Schauspieler“. Ein Thüringer aus Jena, der die Geschichte eines Thüringers aus Gera spielt. Ich erinnere mich an die Kruso- Premierenfeier in München, in einer Bar namens Negroni, nicht weit entfernt vom Kino. All die Leute vom Film, in einer Bar: Im Auftritt ziemlich überschwänglich. Alle waren von allen und allem begeistert, jeder fand jeden „phantastisch“ oder „einfach überragend“ – jedenfalls an diesem Abend.
Albrecht Schuch steckte gerade in Dreharbeiten zu Burhan Quarbanis Version von „Berlin Alexanderplatz“ und sah aus wie Reinhold, jene neurotisch-flattrige, kräftig überdrehte Figur, die er dort darzustellen hatte. Ich erinnere mich an den üppigen Schnauzbart. Ich glaube, er hatte auch die Sachen an, die Reinhold im Film trägt, gedeckte Farben, ein seltsam weiträumiges Oberteil in Beige, er war in seiner Figur verschwunden. Auf der Leipziger Kruso-Premiere ein paar Wochen später war er wieder zurück, als Albrecht Schuch.
Nach Mitternacht vor dem Negroni, Sommer 2018
Links Jonathan Berlin, im Film Edgar Bendler. Rechts Albrecht Schuch
(Foto privat)