Gnade

Gnade (28.9.2021)

Mein Gang zum Bäcker am Morgen: Den Hubertusweg hinauf bis zum Forstweg, dann den Forstweg über die Vogelweide bis zur Huchel-Chaussee. Dort, in der zu Ehren des Dichters Peter Huchel benannten Hauptstraße unseres Ortes, gibt es Laternen und also (seit Monaten schon) die Plakate mit den großen Gesichtern, vor allem FDP-Gesichtern – eine ganze Chaussee von Gesichtern, vom Goetheplatz bis zur Eisenbahnschranke. Darunter auch jenes Plakat, das einen Kandidaten zwischen zwei lügenhaft überhöhten Stapeln Papier bei der Schreibarbeit zeigt. »Im Kreml brennt noch Licht«, hat jemand darunter geschrieben.

Die Wahl ist vorbei, aber einige dieser Gesichter werden, das sagt die Erfahrung, noch eine ganze Weile bleiben, durchnässt, verwittert und allein hoch oben an den Pfählen der Laternen. Etwas geschieht dann da oben mit ihnen, nicht leicht zu beschreiben. Die Aura des Wettkampfs ist erloschen, die Arena geschlossen, und obwohl die Gesichter weiterhin (in fortgesetzter Selbstverleugnung) bemüht sind, Tatkraft und Zuversicht auszudrücken, tritt das Maskenhafte ihrer Erscheinung jetzt stärker hervor. Einerseits. Andererseits regt sich dort etwas wie die Bitte um jene Anteilnahme, für die bis dahin, im primitiven Kampfgeschehen, weder Anlass noch Raum war. Alles wird eine Spur persönlicher jetzt. Der Verlierer gewinnt die Aufmerksamkeit, die dem Verlierer gebührt. Daneben die Einsamkeit des Siegers, der doch »nicht weiß, was anzufangen mit dem ewigen Händeschütteln«, wie Kafka es ausdrückt.

Eine vergleichbare Aufmerksamkeit hatte während des Kampfes nur das geschändete Plakat. Die geschwärzten Gesichter gingen einem lange nach, ich hab sie noch immer vor Augen. Dem zu Boden gerissenen, zertrampelten Gesicht gilt beinah reflexhaft meine Solidarität. Von einem der Laternenpfähle dieser Chaussee wurden die Plakate in den letzten Wochen so oft heruntergerissen, dass der Pfahl jetzt aussieht wie ein kleines künstliches Gestrüpp – ein künstliches Laternenbäumchen ohne Plakate, aber voller Kabelbinder. Natürlich weiß ich, dass die Wahlhelfer den Kabelbinder nur zum Festschnallen der Plakatpappen benutzen. Trotzdem, ob ich will oder nicht, weckt das Laternenbäumchen die andere, dunklere Bildwelt des Kabelbinders: In den Gesichtern lese ich jetzt von Fesselungen wider Willen, vom Einschneiden der Plastikstreifen in die (im Rücken der Plakate?) festgezurrten Handgelenke, und aus den großen Augen spricht stumm die Bitte um Gnade: Gewährt, gewährt!

Dieser Text erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung vom 28. September 2021.


Zeichnung links: »vor der zeitrechnung« / Max Gogolin

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